Der Autor Peter Freund

Peter Freund ist seit 1980 in der Film- und Fernsehbranche tätig, zunächst als Leiter und Manager verschiedener Kinos in Berlin, dann im Filmverleih und seit 1993 als Producer.

Als Autor, Dramaturg und Produzent ist er für zahlreiche Fernsehserien und -filme verantwortlich. Peter Freund lebt und arbeitet in Berlin. Weiterlesen...

Aktuelles Buch


Eine Berliner Weihnachtsgeschichte

Eine Berliner Weihnachtsgeschichte

 

Nepomuk war sauer. Missmutig verzog er das Gesicht und sah den Mann an seiner Seite mit schrägem Blick an. „Damit das klar ist, Chef“, sagte er. „Das war das letzte Mal. Im nächsten Jahr tu ich mir das bestimmt nicht mehr an.“

„Wer’s glaubt.“ Ein stilles Lächeln ging über das rotbackige Gesicht des weißbärtigen Mannes, und die Augen unter den buschigen Brauen funkelten belustigt. „Das sagst du jedes Jahr – aber wenn’s dann wieder soweit ist, bist du immer als Erster zur Stelle.“

„Weil ich ein unverbesserlicher Narr bin“, antwortete der Wicht. „Aber damit ist jetzt Schluss – und zwar endgültig!“ Wie zur Bekräftigung stapfte er in die Pfütze vor seinen Füßen, in der nasse Schneeflocken schmolzen. Die Lichter der geschmückten Bäume und Buden, die den Breitscheidplatz säumten, spiegelten sich in der trüben Flüssigkeit.

„Und?“ Der Mann im roten Mantel sah seinen Begleiter fragend an. „Darf ich auch wissen, warum?“

"Das fragt Ihr noch?“ Nepomuk blies die Backen auf und deutete auf die Menge der Menschen, die schwer beladen mit Einkaufstüten und Paketen zwischen den Verkaufsbuden herumwuselten. „Schaut sie Euch doch an!“, sagte er. „Die Menschen rennen an uns vorbei und beachten uns gar nicht!“

„Kunststück!“ Wieder legte sich ein Lächeln auf das Gesicht des betagten Mannes. „Sie können dich doch gar nicht sehen.“

„Selbst wenn, wäre es nicht anders“, brummte Nepomuk und starrte verärgert  vor sich hin. Die Weihnachtslieder, die um die Gedächtniskirche hallten, schien er gar nicht zu hören. „Ich frage mich, warum wir uns jedes Jahr soviel Mühe machen“, fuhr er schließlich fort.

„Das weißt du doch“, antwortete der Alte. „Wegen der Kinder.“

„Ach, was!“ Nepomuk winkte unwirsch ab. „Selbst die glauben doch nicht mehr an Euch. Ist ja auch nicht verwunderlich, wenn an jeder Ecke eine billige Kopie rumsteht.“

Der Weißbart lächelte nachsichtig. „Und trotzdem gibt es noch genug von ihnen, die sich über mich freuen. Schließlich erhellt das Leuchten ihrer Augen an jedem Weihnachtsabend die Nacht.“

„Früher vielleicht!“, widersprach der Wicht. „Aber dieses Jahr klappt das bestimmt nicht mehr.“

Ein Mädchen mit blonden Zöpfen, das an der Hand seiner Mutter an den beiden vorbei hastete, blieb plötzlich stehen und schaute den Weißbart neugierig an. „Wer bist du denn?“, fragte es schließlich.

„Ich bin der Weihnachtsmann“, antwortete der Alte mit sanftem Lächeln.

„Der echte?“

„Natürlich! Und wer bist du?“

„Die Anna aus Neukölln.“ Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Kannst du beweisen, dass du der echte Weihnachtsmann bist?“

Nepomuk sah seinen Chef mit breitem Grinsen an.

Der Weihnachtsmann aber deutete auf den Ärmel seines Mantels, der silbrig glänzte. „Natürlich“, sagte er. „Schau her, Anna - das ist Sternenstaub, und den besitze nur ich!“

Das Mädchen antwortete nicht und ging mit nachdenklichem Gesicht davon.

Einige Stunden später war Bescherung. Annas Vater griff zu dem großen Sack, der unter dem Weihnachtsbaum lag. „Dann wollen wir doch mal sehen, was uns der Weihnachtsmann gebracht hat.“

„Haha!“ Annas älterer Bruder grinste. „Den gibt’s doch gar nicht!“

Anna aber sah gespannt zum Vater, der die Geschenke aus dem Sack holte. Plötzlich leuchteten ihre Augen auf. „Es gibt ihn doch!“, sagte sie und deutete auf das Päckchen, auf dem es silbrig glänzte. „Das ist Sternenstaub – und den besitzt nur der Weihnachtsmann“, sagte sie mit strahlendem Gesicht.

„Siehst du?“ Der Weihnachtsmann hielt den Schlitten an und deutete hinunter auf Berlin. Ein Leuchten war über Neukölln zu sehen, dann funkelte der Himmel über Kreuzberg auf, über Friedrichshain und schließlich über der ganzen Stadt. „Es funktioniert immer noch!“

„Kunststück, Chef“, antwortete Nepomuk empört. „Weil Ihr sie reingelegt habt mit diesem billigen Silberspray!“

„Na, und?“ Der Weihnachtsmann lächelte. „Manchmal muss man dem Glück eben nachhelfen - aber Hauptsache, die Menschen freuen sich.“

 

All Rights reserved by: Peter Freund