Der Autor Peter Freund

Peter Freund ist seit 1980 in der Film- und Fernsehbranche tätig, zunächst als Leiter und Manager verschiedener Kinos in Berlin, dann im Filmverleih und seit 1993 als Producer.

Als Autor, Dramaturg und Produzent ist er für zahlreiche Fernsehserien und -filme verantwortlich. Peter Freund lebt und arbeitet in Berlin. Weiterlesen...

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KAHALA - Der große Alte

KAHALA – Der große Alte

Eine Wal-Story von Peter Freund

 

Die Nacht war hereingebrochen, und die Dunkelheit hatte sich über die See gesenkt. Doch Haku war hellwach. Vorsichtig bewegte der junge Buckelwal seine langen Brustflossen und hob die Fluke. Er war selbst überrascht, dass ihm die Bewegungen seiner Muskeln keinerlei Schmerzen mehr bereiteten. Seine rechte Flanke, an der das Killerschiff in voller Fahrt vorbeigeschrammt war, schmerzte noch ein wenig, und auch die Wunde an seiner Stirn, die die Harpune gerissen hatte, pochte leise vor sich hin. Sie würde bald verheilt sein. Nur die Wunde in seinem Inneren würde sich niemals schließen und ihn stets an den schrecklichen Tag erinnern, an dem Die-auf-zwei-Beinen-gehen seine Familie ausgelöscht hatten: Ruku, seinen Vater; Lunia, seine Mutter, und seinen kleinen Bruder Poki.

Mit kraftvollen Schlägen seiner Schwanzflosse tauchte Haku auf zur Oberfläche. Ganz vorsichtig hob er den Kopf aus dem Wasser und spähte aufmerksam nach allen Seiten. Als er nirgendwo die Konturen eines Schiffes erblicken konnte und auch die Wasser still blieben, befiel ihn große Erleichterung. Es war ihm offensichtlich gelungen, die Jäger abzuschütteln! Ein leichter Nachtwind war aufgekommen, der die Wellen sanft kräuselte. Der klare Himmel war mit Tausenden von hell leuchtenden Sternen übersät. ‚Die Wale, die jenseits des Windes leben‘, dachte Haku. Er erinnerte sich an die vielen Nächte, in denen er fasziniert nach oben gestarrt hatte, um das millionenfache Leuchten zu beobachten. Wer diese geheimnisvollen Lebewesen wohl sein mochten, hatte er sich immer wieder gefragt, die wie eine riesige Herde von Walen im Dunkel der Nacht jenseits des Windes über den Himmel zogen? Ob sie vielleicht Angst hatten vor dem großen Licht des Tages, denn warum scheuten sie die Begegnung mit ihm? All diese Fragen hatten Haku beschäftigt, bis sein Vater Ruku eines Nachts plötzlich neben ihm auftauchte und ihn in das große Geheimnis einweihte.

‚Hör gut zu, Haku‘, murmelten die Wasser in einem geheimnisvollen Rauschen, ‚denn so erzählen die Weisen unseres Volkes: jene dort oben sind die Wale der Großen Mutter. Jedes Mal, wenn sich das Leben eines Wals erfüllt hat, holt sie ihn zu sich nachhause in die Regionen jenseits des Windes, damit er seine niemals endende Wanderung im ewigen Meer der Zeiten antreten kann. Gemeinsam mit seinen Brüdern und Schwestern leuchtet er uns Walen hier auf der Erde und setzt uns Zeichen im Dunkel der Nacht, damit wir stets den rechten Weg finden. Zudem wachen sie über den Ort, wo der Wind geboren wird, der das Lied der Zeiten um die Welt trägt und allen Geschöpfen den Hauch des Lebens schenkt, ohne den kein Wesen auf diesem Planeten sein könnte. Und sie sorgen auch dafür, dass dieser Leben spendende Wind sich niemals legt.‘ Die Erinnerung an Ruku ließ eine wilde Welle der Wut in Haku aufsteigen. Der schreckliche Verlust, den er erlitten hatte, drängte sich mit grausamer Klarheit in seine Gedanken: Nie mehr würde er seine Familie sehen - und nie mehr dem Gesang seines Vaters lauschen können! Wie eine heiße Springflut peitschte der Schmerz durch seinen Körper, sodass er unwillkürlich buckelte und unter den Wogen verschwand. Als ihn die Schwärze der See umhüllte, befiel ihn ein furchtbarer Gedanke: ‚Was geschieht, wenn kein Wal mehr singt in den unendlichen Weiten der See und die Wasser auf immer schweigen? Wer kündet dann den kommenden Generationen den Ewigen Plan und lehrt sie die Gesetze der Großen Mutter? Muss dieser Planet nicht untergehen, wenn die Gesänge der Wale verklingen und mit ihnen das Lied des Lebens verstummt?‘ Während die schrecklichen Gedanken den jungen Wal bedrängten wie die Bisse scharfer Orcazähne, stieg jähe Furcht in ihm hoch.

Haku tauchte wieder auf und reckte den Kopf aus dem Wasser. Als er den Blick erneut zum Himmel richtete, der sich wie eine endlose funkelnde Decke über die unermessliche See wölbte, wusste er plötzlich, was er zu tun hatte: Er musste Kahala finden, den großen Alten, von dem die Gesänge seines Volkes kündeten. Damit er ihm den Plan darlegen konnte, der ihn seit dem blutigen Angriff des Killerschiffes beseelte: Wenn die Wale überleben wollten, dann mussten sie sich auf den Weg zu den zweibeinigen Landläufern machen und ihnen ein unübersehbares Zeichen geben. Damit sie dem grausamen Töten endlich ein Ende bereiteten. Denn sonst würde das Lied des Lebens für immer verstummen, und der Tod würde sein schwarzes Tuch über den Planeten senken.

Haku tauchte hastig unter die Wogen und schwamm nach Norden. Noch niemals war er alleine durch die endlose See gewandert hinauf zu den kalten Futtergründen der Sommersee. Stets hatte er die Tausende von Seemeilen in der Begleitung seiner Familie und unter der Führung seines Vaters Ruku zurückgelegt. Doch Haku war sich mit einem Male ganz sicher, dass er den Weg auch alleine finden würde. Der Gedanke an seine Aufgabe und an den großen Alten würde ihm die dazu nötige Kraft verleihen.

Haku wusste nicht mehr, wie lange er schon unterwegs war, als mit einem Male ein schriller Ton an sein Ohr traf:

Klick! Klick! Klick!

Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, als er den Ruf erkannte: Es war der Jagdschrei des Killerschiffes, der wie der Stahl einer unsichtbaren Harpune in sein Bewusstsein traf. Die metallischen Laute, die sich mit unmäßiger Gier durch die See fraßen, schreckten grausame Bilder aus seiner Erinnerung auf.

Bilder voller Blut, Schmerz und Tod!

Mit einem Male befiel Haku furchtbare Angst. Das Gefährt, das seiner Familie den Tod gebracht hatte, war ihm wieder auf der Spur. Aber was konnte er tun, um dem unerbittlichen Killer zu entkommen?

War das überhaupt möglich?

Unruhig warf sich Haku im Wasser herum und spähte in die Richtung, aus der die Töne gekommen waren. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts erkennen. Während er hektisch mit den langen Brustflossen fächerte, verharrte er unschlüssig und lauschte:

Nichts war zu hören und die See schwieg still.

Doch urplötzlich waren die Töne wieder da, die von seinem Tod kündeten. Wie unsichtbare Haie streiften sie durch die grünblauen Wasser und erfüllten ihn mit grenzenlosem Schrecken. Die Furcht umklammerte Haku wie die Tentakel eines Riesenkraken und drohte die Luft aus seinem Körper zu pressen. Doch bevor ihm die Angst vollständig den Atem nehmen konnte, fielen ihm die Lehren seines Vaters wieder ein: Die Große Mutter hatte die Gefährte, mit den Die-auf-zwei-Beinen-gehen Jagd auf sein Volk machten, mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet wie die Wale. Sie sandten klickende Töne durch die See, die von den darin schwimmenden Lebewesen oder vom Meeresboden zurückgeschickt wurden. Diese Echos formten sich in ihren Köpfen zu deutlich sichtbaren Bildern, sodass sie sich selbst in den dunkelsten Gewässern bestens orientieren konnten. Doch wenn er die Laute des Jägers störte, würde der ihn bestimmt nicht entdecken können!

Augenblicklich versteifte Haku den mächtigen Körper, flippte mit der Fluke und schwamm dem Killer mit wild klopfendem Herzen entgegen. Dabei stieß er Laute aus, die dem Jagdruf der Verfolgers zum Verwechseln ähnelten:

Klick! Klick! Klick!

Der Jäger antwortete sofort und wurde lauter und lauter:

KLICK! KLICK!! KLICK!!!

Haku hielt an und lauschte den fremden Tönen, die nun immer deutlicher an sein Ohr drangen. Auch das Echo seiner eigenen Klicks hallte jetzt durch das Wasser zurück. Zu seiner Verwunderung bildete es jedoch nur undeutliche Schatten in seinem Kopf. Er konnte nicht erkennen, wer ihn verfolgte. Waren es doch nicht Die-auf-zwei-Beinen-gehen, die seine Familie getötet hatten?, fragte er sich verunsichert und überrascht zugleich. Aber wer machte dann Jagd auf ihn?

Während Hakus Angst immer größer wurde, versuchte er den Killer erneut vom Kurs abzubringen:

Klick! Klick! Klick!

Doch der Angreifer kam unbeirrt näher, und so blieb dem Wal nur ein Ausweg: die Flucht in die Tiefe.

Haku flippte rasch zur Oberfläche. Sein Blas stieg weit auf zum Himmel, bevor er den köstlichen Hauch des Lebens durch seine Spritzlöcher sog und voller Hast die Lungen füllte. Schließlich buckelte er, rollte vornüber und verschwand mit einem kräftigen Flukenschlag unter den Wellen. Die starken Muskeln seiner Schwanzflosse trieben Haku rasend schnell in die Tiefe, wohin ihm das Gefährt der Zweibeiner nicht folgen konnte. Während Hakus Herzschlag sich immer mehr verlangsamte, änderte sich auch die Farbe des Wassers: Das Grün dicht unter der Oberfläche wurde dunkler und dunkler, bis es in den Regionen, die die Strahlen des großen Himmelslichtes nicht mehr erreichten, in das Schwarz der tiefen Nacht überging. Der Druck, der auf Hakus Körper lastete, wurde immer größer. Seine Rippen pressten mit der Wucht eines gewaltigen Eisbergs auf seine Lungen und verdrängten den darin gespeicherten Lebenshauch in Luftröhre und Nasengänge. Dennoch tauchte Haku immer tiefer, bis er sich schon bald nicht mehr erinnern konnte, jemals so weit in die Abgründe der See vorgedrungen zu sein. Eine beängstigende Stille und bedrohliche Grabesschwärze umhüllten ihn, und nur gelegentlich irrlichterten vereinzelte in fluoreszierenden Farben schimmernde Quallen und bizarr gefärbte Leuchtfische wie verlorene Sterne durch die fremde Galaxis der tiefen See. Während Haku tiefer und tiefer ging, schwand der Hauch des Lebens in seinem Körper immer mehr und erste Nebelschlieren waberten durch seine Gedanken. Dicht über dem Meeresgrund verlangsamte er die Fahrt und verharrte schließlich reglos im Wasser, um angestrengt in die Dunkelheit zu lauschen.

Nichts.

Es war absolut nichts zu hören.

War es ihm tatsächlich gelungen, den Killer abzuschütteln? Konnte er endlich auftauchen, um frischen Lebensodem zu tanken?

Erneut lauschte Haku in die nachtfinstere See, und wieder war nicht der geringste Laut des Jägers auszumachen. Und während die Nebel in seinem Kopf immer dichter wurden, gab es kein Halten mehr: Die kräftige Schwanzflosse trieb den jungen Wal rasend schnell empor in die helleren Wasser und der frischen Luft entgegen.

Mit einem Male schimmerte ein endloser Himmel aus reinem Weiß über Haku auf: Eine dicke Decke aus Packeis erstreckte sich bis an die Grenzen seines Blickfeldes - ein mit bizarren Eisdolchen gespickter Schild, der das Meer luftdicht versiegelte und ihm den Weg zur rettenden Oberfläche abschnitt. Wie ferne Sterne tanzten hell schimmernde Lichtreflexe über das eisige Firmament und erinnerten ihn an die Welt des Lichtes und des Windes, die unerreichbar weit jenseits der erstickenden Decke lag. Als Haku sich herumwarf, um in die Richtung der offenen See zu schwimmen, schrillte der Jagdruf des Killers erneut durch die frostigen Wasser. Sein Körper versteifte sich wie unter einem mächtigen Schlag. Dann stieß der junge Wal einen kläglichen Laut aus, einen Schrei aus der Tiefe seines Herzens, der erfüllt von unendlicher Sehnsucht und Schmerz weithin hörbar durch die grünblaue See hallte. Haku wusste, dass der Hauch des Lebens in seinem Körper unweigerlich zu Ende ging. Wenn er nicht schnellstens frische Luft schöpfte, würde er Kahala niemals erreichen! Doch wenn er aufs offene Meer zuhielt, würde der Killer ihn erwischen und töten.

So oder so – sein Schicksal war besiegelt!

Haku drehte ab und flüchtete zurück unter das Packeis - dorthin, von wo es kein Zurück mehr gab. Seine Sinne schwanden. In seiner Verzweiflung mobilisierte er die letzten Kräfte und schlug mit dem Schwanz gegen die mächtige Eisdecke, als könnten seine immer schwächer werden Schläge den massigen Panzer knacken. Bei vollem Verstand wäre ihm die Sinnlosigkeit seines Tuns sicherlich sofort aufgegangen. Der schreckliche Luftmangel hatte sein Gehirn jedoch längst vernebelt, sodass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mit dem letzten Rest an Lebenshauch und am Rande des Bewusstseins irrte Haku unter dem unbarmherzigen Packeis-Himmel dahin. Sein gesamter Körper schien in Flammen zu stehen und brannte nun wie Feuer. Doch als die schwarzen Nebel in seinen Kopf sich schließlich rötlich verfärbten, wusste er, dass er schon bald ertrinken würde.

Mit einem Mal drangen wie aus weiter Ferne Laute an sein Ohr, die er in seinem ganzen Leben noch niemals vernommen hatte: das mächtige Lied eines Wals. Ein Gesang voller Anmut und Schönheit, der das ganze Wissen der Welt in sich zu tragen schien. Wie ein Gruß aus einer anderen Welt hallte das Lied durch die Wasser, und für die Dauer eines Herzschlags kam es Haku so vor, als sänge es die Große Mutter selbst. Immer lauter wurde der Gesang und immer mächtiger, bis er ihn schließlich ganz umhüllte. Und da wusste der Wal, dass sich das ihm vom Ewigen Plan zugedachte Schicksal nun gleich erfüllen würde. Doch Haku empfand keinerlei Furcht. Im Gegenteil: grenzenlose Ruhe erfüllte ihn und seine Gedanken waren mit einem Mal voll von den Bildern seiner Kindheit. Er sah sich selbst, wie er die Wasser auf der Stirn seiner Mutter Lunia ritt und wie er seinen Bruder Poki neckte und mit ihm durch die unendliche See tobte. Ein sattes Glücksgefühl machte sich in ihm breit, während er, satt von warmer Zufriedenheit, immer tiefer sank und schließlich auf dem Grund des Meeres aufsetzte. Dann schloss er die Augen und stieß ein zufriedenes Grunzen aus. Ohne jede Gegenwehr ließ er eine träge machende Müdigkeit auf sich einströmen und von seinem Körper Besitz ergreifen. Dann wurde es still im Ozean, ganz still. Nichts war mehr von Bedeutung, und Haku war froh, seine Bestimmung gefunden zu haben.

Er war endlich zuhause!

Wie ein Schatten, den die Nacht gebiert, schob sich da plötzlich ein mächtiger Wal aus den dunklen Tiefen der See: Kahala, der große Alte. Sein Körper war riesig, viel größer und mächtiger als der von Ruku. Wie ein gigantischer dunkler Berg kam Kahala daher, fast schwarz und selbst der Bauch dunkel gefärbt. Nur seine langen Brustflossen und die Unterseite seiner riesigen Fluke schimmerten in einem hellen Grau. Seine Haut jedoch war übersät von den Spuren eines langen, vom Kampf ums Überleben geprägten Lebens: Schiffsschrauben hatten seinen Rücken zerfetzt und ihn mit tiefen Narben gezeichnet. Unzählige Harpunen hatten ihn gestreift oder sich in ihn gebohrt – und doch hatten Die-auf-zwei-Beinen-gehen ihn niemals besiegen können. Auch die hintere Kante seines rechten Flukenlappens war tief eingerissen: ein Andenken an eine erbitterte Auseinandersetzung mit einem gefräßigen Orca. Die Überreste eines zerfetzten Treibnetzes hingen an Kahalas Schwanz und drifteten bei jeder Bewegung durch das Wasser - wie ein absurdes Mahnmal an die maßlose Gier der zweibeinigen Landläufer, die die ganze Welt besitzen und sich an ihr satt machen wollten.

Der große Alte hatte schon bei Hakus ersten kläglichen Lauten erkannt, in welch großer Gefahr sein unerfahrener Walbruder schwebte. Kahala war deshalb sofort aufgebrochen, um sich auf die Suche nach ihm zu machen. Zu seiner Ermutigung hatte er seine Stimme durch die Wasser schallen lassen und das Lied der Zeiten gesungen. Das Lied, das allen Walen vertraut war und sie mit Hoffnung und Zuversicht erfüllte – und dennoch schien Haku schon verloren.

Als Kahalas Gedanken sich mit denen des jungen Bruders verbanden, erkannte er zu seinem Schrecken, dass Haku bereits Abschied von der Welt nahm. Nur noch winzig kleine Reste von Leben befanden sich in ihm. Wenn er nicht schnellstens von frischem Lebenshauch erfüllt wurde, würde er in das Reich der Großen Mutter eingehen und sich den Walen jenseits des Windes anschließen.. Kahala stupste den jungen Bruder sanft in die Flanke und begann erneut zu singen. Seine magischen Töne schallten wie ein überirdischer Choral durch das Wasser, als plötzlich wieder Leben in Haku kam. Wie von einem seltsamen Zauber berührt, bewegte sich seine Schwanzflosse schwerfällig und träge hin und her. Doch der leichte Schlag der Fluke reichte aus, um ihn so weit nach oben zu tragen, bis er schließlich ganz langsam neben Kahala unter dem hell schimmernden Eis dahin glitt.

Ohne die Augen zu öffnen, erkannte Haku plötzlich, dass der große Alte einer Seite war. Welcher Wal sonst war von einer so übermächtigen Kraft beseelt wie Kahala? Sein Lied schickte eine Woge einer völlig unbekannten Energie durch Hakus Körper und schenkte ihm neues Leben. Obwohl er längst den letzten Rest seines Lebenshauches aufgebraucht hatte, trieb der magische Gesang ihn immer weiter vorwärts.

Als Haku die Lider aufklappte, schreckte er für einen Augenblick zusammen: So gewaltig hatte er sich den großen Alten nicht vorgestellt! Natürlich hatte Ruku ihm von Kahalas gigantischen Maßen erzählt, aber sein Anblick überstieg seine Erwartungen und auch seine Vorstellungskraft bei Weitem. Während Haku im Sog des Riesen dahinschwamm, beäugte er ihn verstohlen und voller Ehrfurcht. Der große Alte war so sehr in sein Lied vertieft, dass er ihn gar nicht zu bemerkte. Die gesamte See stand nun im Bann seiner mächtigen Stimme. Die Fluten bewegten sich im Rhythmus seiner Schwingen und waren plötzlich voller Farben, die wie flatternde Lichtbänder durch die See tanzten. Die Decke des Packeises schimmerte in hoffnungsvollem Smaragdgrün, das von einem fröhlich-goldenen Gelb abgelöst wurde. Mit einem Mal fühlte Haku Wind an seinem Rücken. Sein verbrauchter Atem explodierte fauchend durch seine Spritzlöcher, und schon füllten sich seine Lungen mit kristallklarer, Leben spendender Luft. Noch niemals zuvor war ihm aufgefallen, wie köstlich der Hauch des Lebens war. Nun aber schmeckte er Licht, Wind, Krill – und schließlich kostbares Leben!

In diesem Augenblick durchbrach auch der gewaltige Hinterkopf des großen Alten die Wasseroberfläche. Sein Blas schoss wie ein riesiger Geysir in die Höhe, begleitet von einem grollenden Donner, dessen Echo gleich darauf in Hakus Ohren dröhnte. Verwundert reckte der junge Wal den Kopf aus dem Wasser und blickte sich um. Über ihm wölbte sich eine riesige Kuppel aus Eis. Unterseeische Thermalströme hatten die Höhle über die Jahrtausende in den Gletscher am Rande des Packeises geschmolzen. Brodelnder Plankton füllte den eisigen Dom unablässig mit dem Hauch des Lebens. Bizarre Eiszapfen hingen von der hell schimmernden und fast durchsichtig erscheinenden Decke. An den Wänden blitzten funkelnde Eiskristalle. Kahala hatte die Kuppel vor endlosen Zeiten eher zufällig entdeckt. Seitdem diente sie ihm als geheimer Unterschlupf, in den er sich zurückzog, um sich unbehelligt von der Welt seinen zeitlosen Meditationen hinzugeben.

Wieder stieg der Blas des großen Alten mit Donnergetöse in die Höhe. Schließlich wandte er sich an Haku und begann zu erzählen: Den gesamten Lauf des Jahres, so hob Kahala an, verbrachte er alleine in den Wassern des Nordens. Wenn der Sommermond jenseits des Windes dahinzog und seine Bahn suchte im Gewimmel der Wale der Großen Mutter, schickte er seinen Ruf hinaus in die Weiten der Meere. Dann wussten die Anführer der Herden, dass die Zeit für die große Versammlung wieder gekommen war. Augenblicklich verließen die erfahrenen Wale, die Weibchen und Bullen, die ihnen anvertrauten Herden und schwammen gen Norden. Über endlose Meilen pflügten sie durch die See, und selbst die größte Entfernung konnte sie nicht davon abhalten, sich in Kahalas eisiger Höhle zu versammeln. Sobald alle dort eingetroffen waren, füllte sich der mächtige Dom mit dem Klicken, Pfeifen, Brummen, Knarzen, Bellen, Muhen und Singen der Wale – und alle berichteten davon, was sich während des Jahres zugetragen hatte, um sich dann mit dem großen Alten zu beraten. Kahala hielt einen Augenblick lang nachdenklich inne, bevor er von jener Zeit erzählte, als die große Versammlung noch ein einziges Freudenfest gewesen war. Als alle Wale miteinander scherzten und ihr fröhliches Lachen unablässig gegen die Wände aus festem Wasser hallte. Dann aber wurden Kahalas Laute von Trauer erfüllt und nahmen einen klagenden Klang an. Die Tage der Freude waren nämlich längst vergangen und wie verfluchte Inseln im Meer versunken. Nur noch wenige Wale konnten sich an die schöne Zeit erinnern, sodass ihre Versammlung schon seit vielen Jahren von immer größerer Wehmut begleitet wurde: Denn jeder von ihnen wusste, in welcher schrecklichen Gefahr das Volk der Wale schwebte.

Und Die-auf-zwei-Beinen-gehen auch!

Als der große Alte schließlich verstummte, versank er in tiefes Schweigen. Schwerelos schwebte er in den grünblau schimmernden Wassern und fächelte wie abwesend mit den riesigen Brustflossen. Haku konnte Kahalas Gedanken ganz genau lesen. Deshalb wusste er auch, dass es keinen Sinn machte, ihn mit Fragen zu bedrängen, und so hüllte auch er sich in Schweigen. Erst geraume Zeit später sah der Alte ihn wieder an. Dabei verzog er das riesige Maul, als würde er ihn anlächeln, und begann erneut zu singen. Seine Prophezeiung hallte in tiefen, melodisch schwingenden Tönen durch die Wasser: ‚Die Zeit wird kommen‘, so sang der große Alte, ‚in der die Wale im Wasser wieder so zahlreich sein werden wie die Wale der Großen Mutter am Himmel, und sie werden sie noch übertreffen an der Zahl. Es wird wieder so sein wie in den längst vergangenen Tagen, als die Wale die Wasser der Welt beherrschten und ihre Lieder die Ozeane erfüllten. Glück und Frieden werden herrschen unter allen Geschöpfen des Meeres, und auch die, die im Wind und an Land leben, werden endlich wieder lachen können.‘ Und Kahala sang davon, dass er diese Botschaft stets auch den Anführern der Herden mit auf den Weg gegeben hatte. Doch diese hatten den Glauben daran schon längst verloren, weil sie zu viel Schlimmes hatten sehen und erleben müssen auf ihren weiten Wanderungen zwischen der See des Winters des Sommers. Aber wer keinen Glauben hat und kein Ziel mehr kennt, besitzt auch keine Kraft mehr zum Kämpfen und verliert den Mut zu leben.

Da plötzlich wusste Haku, dass sein langer Weg nicht vergebens gewesen war. Kahala würde verstehen, was er auf dem Herzen hatte, und ihn nach besten Kräften unterstützen. Gemeinsam würden sie aufbrechen, um Die-auf-zwei-Beinen-gehen wachzurütteln. Und wenn nur einige wenige von ihnen die Botschaft verstanden, die sie ihnen überbringen würden, und auch danach handelten, dann war der Planet, dem sie alle ihr Dasein verdankten, doch nicht zum Untergang verurteilt.

Das Lied des Lebens würde nicht verstummen – niemals!

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